Anticholinerg – was bedeutet das?

Anticholinerge Wirkungen werden von Medikamenten hervorgerufen, welche die Wirkung von Azetylcholin blockieren. Azetylcholin ist ein Neurotransmitter – ein körpereigener Botenstoff, der von einer Nervenzelle freigesetzt wird, um einen Impuls auf eine benachbarte Ner­venzelle oder eine Zielzelle an Muskeln oder Drüsen zu übermitteln. Azetylcholin regt die glatte Muskulatur an, z. B. die Muskelzellen des Herzens oder der Luft­wege, sich zusammenzuziehen. Viele verbreitete Arzneimittel wirken uner­wünschterweise anticholinerg. Zu den anticholinergen Wirkungen zählen Ver­wirrtheit, verschwommenes Sehen, Ver­stopfung, Mundtrockenheit, Schwindel und Schwierigkeiten beim Wasserlassen bzw. Verlust der Blasenkontrolle. Wün­schenswert ist die anticholinerge Wir­kung auf Zittern (Tremor) und Übelkeit.

Ältere Menschen sind anfälliger für anticholinerge Wirkungen. Weil die Aze­tylcholinmenge im Körper mit zuneh­mendem Alter sinkt, blockieren anticho­linerge Medikamente bei ihnen einen höheren Prozentsatz an Azetylcholin. Hinzu kommt, dass der alternde Körper das wenige vorhandene Azetylcholin schlechter nutzen kann.

Ältere Menschen leiden häufig unter mehreren, oft chronischen Erkrankungen; sie nehmen da­her in der Regel mehr Arzneimittel ein als Jün­gere. Im Durchschnitt wird in Deutschland jeder, der älter als 60 Jahre und in der gesetz­lichen Krankenkasse versichert ist, mit 2,6 Arz­neimitteln behandelt, die er dauerhaft jeden Tag einnimmt. Damit entfallen auf diese 25,8 Pro­zent der Versicherten 56 Prozent des gesam­ten Fertigarzneimittelumsatzes der GKV. Dabei sind ältere Menschen mehr als doppelt so oft wie jüngere von unerwünschten Wirkungen be­troffen , die zudem häufig schwerer ausfal­len, die Lebensqualität beeinträchtigen und zu Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten führen.

Mit zunehmendem Alter sinkt der Wasser­gehalt des Körpers, und der relative Fettanteil im Vergleich zum Wasseranteil steigt an. Was­serlösliche Arzneimittel erreichen bei älteren Menschen höhere Konzentrationen, weil weni­ger Wasser zur Verdünnung vorhanden ist. An­dererseits reichern sich auch fettlösliche Arz­neimittel stärker an, weil es mehr Fettgewebe gibt, das sie speichern kann. Hinzu kommt, dass die Nieren älterer Patienten Medikamente weniger leicht in den Urin abgeben können und die Leber viele Arzneimittel nicht mehr so gut abbauen kann . Aufgrund dieser Veränderun­gen bleiben zahlreiche Mittel erheblich länger im Körper eines älteren Menschen als in dem eines jungen. Hierdurch verlängert sich die Wir­kungsdauer des Arzneimittels, und das Neben­wirkungsrisiko steigt. Deshalb müssen be­stimmte Medikamente bei älteren Menschen geringer dosiert werden. Wichtig ist auch, sol­che Substanzen zu wählen, die für ältere Men­schen unproblematisch sind.

Ältere Menschen reagieren auf viele Arznei­mittelwirkungen empfindlicher. Durch Schlaf­mittel und Angst lösende Mittel sind sie häufig tagsüber schläfrig und neigen zu Verwirrtheit. Arzneimittel, die die Arterien weiten und so das Herz entlasten sollen, lassen den Blutdruck bei alten Menschen oft sehr stark abfallen.

Für die anticholinergen Wirkungen vieler Medikamente, z. B. bestimmter Antidepressiva, sind ältere Menschen besonders anfällig; sie reagieren mit Verwirrtheit, verschwommenem Sehen, Verstopfung, Mundtrockenheit, Schwin-

KAPITEL 14

Arzneimittel im Alter

del und Schwierigkeiten beim Wasserlassen bzw. einem Verlust der Blasenkontrolle. Man­che dieser Wirkungen sind erwünscht, so z. B. das Abschwächen des Zitterns bei Parkinson-Krankheit und die Verringerung von Übelkeit, die meisten jedoch nicht.

Da ältere Menschen häufig mehrere Medika­mente anwenden, gibt es häufiger Wechselwir­kungen zwischen den verschiedenen Arzneimit­teln. Auch mit Effekten auf die verschiedenen

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