Kapitel 77NEUROLOGISCHE UNTERSUCHUNGEN UND TESTMETHODEN421

nimmt, werden zwischen den verbliebenen Ner­venzellen neue Verbindungen geknüpft, was den Verlust zumindest teilweise kompensieren kann. Überdies verfügt das Gehirn über mehr Zellen, als es braucht, um normal zu funktionieren (Re­dundanz). Diese Redundanz könnte ebenfalls dazu beitragen, einen krankheits- oder altersbe­dingten Verlust an Nervenzellen auszugleichen. Und schließlich bilden sich möglicherweise in einigen Gehirnregionen selbst in hohem Alter noch neue Nervenzellen.

Im Alter kann sich die Hirndurchblutung um durchschnittlich 20 Prozent verringern. Dieser Verlust ist größer bei Menschen mit einer Ar­teriosklerose der Hirnarterien, wie sie mit star­kem Rauchen, hohem Cholesterinspiegel, Dia­betes und hohem Blutdruck einhergeht. Diese verringerte Durchblutung kann dazu führen, dass Nervenzellen im Gehirn absterben und die Gehirnfunktion verfrüht zurückgeht.

Eine Untersuchung des Nervensystems kann Krankheiten des Gehirns, der Nerven, der Mus­keln und der Wirbelsäule aufdecken. Die beiden wichtigsten Komponenten einer neurologischen Untersuchung sind die gesundheitliche Vor­geschichte und die körperliche Untersuchung (einschließlich einer Beurteilung der geistigen Verfassung).

Im Gegensatz zu einer psychiatrischen Be­gutachtung, bei der das Verhalten einer Person geprüft wird, gehört zu einer neurologischen Untersuchung unbedingt die körperliche Unter­suchung. Dennoch gibt ein auffälliges Verhal­ten oftmals Aufschluss über den physischen Zustand des Gehirns.

Um die gesundheitliche Vorgeschichte (Anam­nese) zu eruieren, fragt der Arzt nach den der­zeitigen Symptomen, wann genau und wie oft

Gesundheitliche Vorgeschichte

Neurologische Untersuchungen 

und Testmethoden

Rückenmark: Im Alter können die Wirbel­knochen zu wuchern beginnen und auf das Rü­ckenmark drücken. Infolgedessen nimmt die Zahl der Axone im Rückenmark ab, was zu einem leichten Rückgang der sensorischen Empfindlichkeit führt.

Periphere Nerven: Im Alter leiten die periphe­ren Nerven Signale unter Umständen langsa­mer weiter. Gewöhnlich ist dieser Effekt so gering, dass man keine Funktionsveränderung bemerkt. Das periphere Nervensystem reagiert auch weniger prompt auf Verletzungen. Wenn bei jüngeren Menschen der Axon eines peri­pheren Nervs verletzt wird, kann sich der Nerv, wenn der Zellkörper intakt geblieben ist, selbst regenerieren. Diese Selbstreparatur erfolgt bei älteren Menschen langsamer und unvollständi­ger als bei jüngeren, was ältere Menschen anfäl­liger für Krankheiten und Verletzungen machen kann.

KAPITEL 77

sie auftreten, wie schwerwiegend sie sind, wie lange sie anhalten und ob die betroffene Person noch in der Lage ist, ihren täglichen Verrich­tungen nachzukommen.

Der Betroffene sollte den Arzt darüber hinaus über andauernde und frühere Erkrankungen und Operationen, schwere Krankheiten bei na­hen Verwandten, Allergien und die derzeit ein­genommenen Medikamente in Kenntnis set­zen. Weiterhin fragt der Arzt möglicherweise nach Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, in der Familie sowie dem Verlust von Angehörigen und Freunden, da sich solche Umstände auf die Gesundheit und die Selbstheilungskräfte des Körpers auswirken können.

Körperliche Untersuchung

Wird eine körperliche Untersuchung im Rah­men einer neurologischen Fragestellung durch­geführt, so begutachtet der Arzt meist sämt-