Eine Hirnschädigung kann viele Funktionen stören. Solche Fehlfunktionen reichen vom völ­ligen Bewusstseinsverlust wie im Koma über Desorientierung und Konzentrationsunfähig­keit wie im Delirium bis zur Beeinträchtigung einer oder mehrerer der spezifischen Funk­tionen, die zum bewussten Erleben nötig sind. Art und Schwere der zerebralen Funktions­störung hängen von Ausmaß und Ort des Hirn­schadens ab und davon, wie rasch sich die zu­grunde liegende Störung ausbreitet.

Eine Funktionsstörung des Gehirns kann ausgedehnt (diffus) oder auf einen Bereich be­schränkt (lokalisiert) sein. Störungen, die große Teile des Gehirns betreffen, rufen diffuse Funk­tionsstörungen hervor. Dazu gehören Stoff­wechselerkrankungen, die einen niedrigen Blutzuckerspiegel oder eine geringe Sauerstoff­konzentration im Blut (gewöhnlich aufgrund einer Herz- oder Lungenerkrankung) hervor­rufen, aber auch Hirninfektionen, wie Enzepha­litis und Meningitis, sowie sehr hoher und sehr niedriger Blutdruck. Auch Erkrankungen und Ereignisse, die zu Schwellungen führen oder auf ein großes Gehirnareal drücken, können diffuse Funktionsstörungen hervorrufen; Beispiele sind Hirntumoren und -abszesse und schwere Kopf­verletzungen. Opioide, Beruhigungsmittel, wie Benzodiazepine und Barbiturate, sowie Antide­pressiva können bei empfindlichen Menschen und bei zu hoher Dosierung zu diffusen Hirn­funktionsstörungen führen.

Lokalisierte Hirnfunktionsstörungen werden von strukturellen Fehlbildungen, wie einem Hirntumor, Störungen, die die Blutversorgung und damit auch die Sauerstoffversorgung eines bestimmten Gebietes beeinträchtigen, wie ein Schlaganfall, und bestimmte Arten von Krampf­anfällen hervorgerufen.

Ausmaß und Sitz des Hirnschadens bestim­men, wie schwer die Störung ist: Innerhalb eines relativ großen Hirnareals, wie der Großhirn­rinde, verursacht ein ausgedehnter Schaden wahrscheinlich eine tief greifende Funktions­störung. In einem kleineren Bereich, wie dem Hirnstamm, der lebenswichtige Körperfunk­tionen und Bewusstseinsniveaus regelt, kann schon ein relativ kleiner Schaden zu einem völ­ligen Verlust des Bewusstseins und sogar zum Tod führen.

KAPITEL 82

Funktionsstörungen des Gehirns

Rasch fortschreitende Störungen führen mit größerer Wahrscheinlichkeit zu merklichen Symptomen als langsam fortschreitende, da sich das Gehirn langsamen Veränderungen bes­ser anpassen kann als schnellen.

Drei Eigenschaften des Gehirns tragen zu seiner Fähigkeit bei, Ausfälle zu kompensieren und sich nach einer Schädigung zu erholen:

• Redundanz (viele Hirnfunktionen können von mehr als einem Gehirnbereich übernom­men werden)

• Adaptation (Bereiche mit überlappenden Funk­tionen können manchmal Funktionsverluste ausgleichen)

• Plastizität (gewisse Bereiche können ihre Funktion wechseln)

Infolgedessen übernehmen ungeschädigte Hirn­bereiche manchmal Funktionen einer geschä­digten Region und tragen damit zur Wiederher­stellung bei. Mit zunehmendem Alter sinkt jedoch die Fähigkeit des Gehirns, Funktionen von einem Bereich in den anderen zu verschie­ben. Einige Funktionen, wie das Sehen, können nicht von anderen Bereichen übernommen wer­den. Eine direkte Schädigung eine solches Be­reichs bedeutet dann möglicherweise einen Dauerschaden.

Da bestimmte Bereiche im Gehirn spezifische Funktionen kontrollieren , bestimmt der Ort der Schädigung, welche Funktion beeinträch­tigt wird. Welche Seite des Gehirns betroffen ist, ist ebenfalls wichtig, denn die beiden Ge­hirnhälften haben unterschiedliche Funktionen. So werden Bewegung und sensorisches Emp­finden der einen Körperseite von der gegenüber liegenden Hemisphäre kontrolliert. Einige Funk­tionen werden ausschließlich von einer be­stimmten Gehirnhälfte gesteuert; beispiels­weise ist die linke Hemisphäre vorwiegend für die Sprache zuständig. Die Schädigung einer Gehirnhälfte kann zum vollständigen Verlust einer derartigen Funktion führen. An anderen

Schäden in bestimmten

Gehirnbereichen

siehe Seite 416