Eine gesunde Entwicklung setzt voraus, dass ein Kind die beständige und verlässliche Zuwen­dung liebevoller und fürsorglicher Eltern oder anderer Bezugspersonen spürt. Durch die so ver­mittelte Sicherheit und Geborgenheit entwi­ckelt es das Selbstvertrauen und die Stabilität, die es braucht, um Belastungen erfolgreich zu bewältigen.

Um emotionale und soziale Reife zu erlangen, brauchen Kinder den Umgang mit Menschen außerhalb der Familie. Dazu gehören in der Re­gel nahe Verwandte, Freunde, Bekannte, Nach­barn und Menschen, denen das Kind in Kinder­betreuungsstätten, in der Schule, der Kirche, beim Sport oder bei anderen Aktivitäten begeg­net. Indem das Kind die kleineren Spannungen und Konflikte, die sich aus diesem Umgang er­geben, bewältigt, lernt es allmählich, auch mit größeren Belastungen fertig zu werden.

Einschneidende Ereignisse, wie z. B. Krank­heit oder Scheidung, können die Fähigkeit des Kindes, diese Ereignisse zu verarbeiten, jedoch überfordern und seine emotionale und sozia­le Entwicklung beeinträchtigen. Chronische Krankheiten etwa können das Kind daran hin­dern, an bestimmten Aktivitäten teilzunehmen, und sich negativ auf die schulischen Leistungen auswirken.

Andererseits können sich Ereignisse, die das Kind betreffen, auch negativ auf die Menschen auswirken, die ihm nahe stehen. So stellt die Pflege eines kranken Kindes immer eine Belas­tung für die Betroffenen dar. Wie sich das im Einzelnen auswirkt, hängt von Art und Schwere der Krankheit ab und davon, welche emotiona­len und anderen Ressourcen der Familie zur Ver­fügung stehen.

Häufig ist es aus medizinischen Gründen nötig, kranke oder frühgeborene Säuglinge vorüberge­hend von ihren Eltern zu trennen. Auch wenn die Eltern ihr Kind zwischendurch immer wie­der halten dürfen, erschwert die medizinische Versorgung es Eltern und Kind, eine normale Beziehung zu entwickeln. Hinzu kommt, dass

Krankheit und Tod bei Säuglingen

von Kindern und ihre Familien

KAPITEL 285

Soziale Einflüsse auf das Verhalten

die Krankheit des Säuglings die Eltern emotio­nal stark belastet. Die Trennung und die Belas­tung der Eltern können die Bindung an das Kind beeinträchtigen. Das ist besonders bei schwer kranken Kindern der Fall, die sehr lange im Krankenhaus bleiben müssen. Es ist wich­tig, dass die Eltern ihr Baby so früh wie möglich sehen, im Arm halten und mit ihm umgehen dürfen. Auch bei schwer kranken Säuglingen können die Eltern häufig beim Füttern, Baden und Wechseln der Windeln helfen. Unter Um­ständen kann das Kind gestillt werden, auch wenn es zuerst durch eine Sonde ernährt wer­den muss.

Hat das Kind eine angeborene Fehlbildung, können bei den Eltern Gefühle wie Schuld, Trau­er, Wut oder auch Abscheu auftreten. Bei eini­gen verstärkt sich das Gefühl der Schuld noch dadurch, dass sie solche Gefühle empfinden. Das Neugeborene anzusehen und zu berühren, kann den Eltern helfen, das Kind von der Fehlbildung losgelöst als ganzen Menschen zu sehen, und das Entstehen der Eltern-Kind-Bindung fördern. Informationen über die Krankheit, Möglichkei­ten der Behandlung und die Zukunftsaussich­ten des Kindes können den Eltern helfen, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden und die bestmögliche medizinische Versorgung zu planen.

Der Tod eines Säuglings ist für die Eltern im­mer ein traumatisches Erlebnis. Stirbt jedoch ein Neugeborenes, bevor die Eltern es gesehen oder berührt haben, kann in ihnen das Gefühl entstehen, das Kind nie gehabt zu haben. Wenn die Eltern das tote Baby sehen und festhalten dürfen, kann ihnen diese – wenn auch schmerz­hafte – Erfahrung helfen, zu trauern und den Verlust zu verarbeiten. Manche Eltern werden überwältigt von dem Gefühl der Leere, der ver­lorenen Hoffnungen und Träume und der Angst; sie können dann depressiv werden. Häufig füh­len sie sich schuldig und machen sich Vorwür­fe, auch wenn sie keine Schuld am Tod des Kin­des trifft. Trauer und Schuldgefühle können die Beziehung der Eltern stark belasten.

siehe Seite 1458