Kapitel 286KINDESMISSHANDLUNG UND -VERNACHLÄSSIGUNG1627

haben oft weniger Angst, dass diese versuchen könnten, das Kind zurückzugewinnen. Darüber hinaus kann der Kontakt für das Kind von Vor­teil sein. Solche Fragen sollten immer mit Psy­chologen und Juristen besprochen werden, bevor eine Entscheidung gefällt wird.

Die meisten Adoptivkinder, auch solche, die zuvor bei Pflegefamilien oder in ausländischen Waisenhäusern aufgewachsen sind, leben sich gut ein und entwickeln selten Probleme. Wenn die Kinder jedoch älter werden, kann bei ihnen ein Gefühl der Ablehnung entstehen, weil sie von den leiblichen Eltern abgegeben wurden. Besonders als Heranwachsende und junge Er­wachsene wollen Menschen, die adoptiert wur­den, mehr über ihre leiblichen Eltern wissen, auch wenn sie nicht offen nach ihnen fragen. Nicht nur manche Adoptivkinder wollen Ein­zelheiten über ihre leiblichen Eltern erfahren oder diese persönlich aufsuchen, es kommt auch vor, dass die leiblichen Eltern Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen wollen.

Man spricht von Vernachlässigung, wenn einem Kind wesentliche Dinge vorenthalten werden, und von Misshandlung, wenn dem Kind ein di­rekter Schaden zugefügt wird. Vernachlässigung bedeutet, dass die Grundbedürfnisse des Kindes nicht erfüllt werden, also körperliche, medizi­nische, schulische und emotionale Bedürfnisse. Emotionale Vernachlässigung ist ein Teilbereich der psychischen Gewalt. Misshandlungen kön­nen den körperlichen, sexuellen und psychischen Bereich betreffen. Oft werden alle drei Bereiche gleichermaßen getroffen. Vernachlässigung und Misshandlung sind häufig nicht voneinander zu trennen und treten gleichzeitig mit anderen Formen der Gewalt in der Familie auf, z. B. Ge­walt gegen den Partner. Neben den unmittelba­ren Schäden verursachen Vernachlässigung und Misshandlung auch langfristige Probleme wie psychische Störungen und Drogenmissbrauch. Erwachsene, die als Kind körperlich oder sexu-

Kindesmisshandlung und 

-vernachlässigung

Wird Kindern die Tatsache, dass sie adoptiert sind, vorenthalten, kann sich das später als pro­blematisch erweisen. Jeder Mensch braucht Ge­wissheit über seine Herkunft. Kinder verarbeiten die Information am besten, wenn sie im Alter von etwa sieben Jahren darüber aufgeklärt wer­den. Auf Fragen des Kindes nach den leiblichen Eltern sollten die Adoptiveltern beschwichti­gend reagieren. Wenn das Kind misshandelt oder vernachlässigt wurde, können die Eltern ihm z. B. sagen, dass es die leiblichen Eltern verlas­sen musste, weil diese Probleme hatten oder krank waren und sich nicht richtig um ihr Kind kümmern konnten. Kinder brauchen die Bestä­tigung, dass ihre Bezugsperson sie liebt und im­mer lieb haben wird. Wenn ein Kind Kontakt zu den leiblichen Eltern hat, hilft es dem Kind zu wissen, dass es sowohl von den leiblichen Eltern als auch von den Adoptiveltern geliebt wird.

Ob die Kinder Zugang zu Informationen über Eltern, die anonym bleiben wollen, erhalten soll­ten, wird unterschiedlich beurteilt.

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ell missbraucht wurden, neigen außerdem eher dazu, ihre eigenen Kinder zu misshandeln.

Vernachlässigung und Gewalthandlungen sind die Folge einer komplexen Mischung aus per­sönlichen, familiären und sozialen Faktoren. Allein erziehende, finanziell schwache, alkohol- oder drogenabhängige Menschen oder Menschen mit psychischen Störungen (z. B. Persönlich­keitsstörungen) neigen eher dazu, ein Kind zu vernachlässigen oder ihm Gewalt anzutun. Bei Kindern, die in Armut leben, kommt Vernach­lässigung deutlich häufiger vor als sonst.

Ärzte und Krankenpflegepersonal sind gesetz­lich verpflichtet, den Verdacht auf Vernachläs­sigung oder Misshandlung von Kindern beim örtlichen Jugendamt zu melden. Unter Umstän­den kann auch die örtliche Polizeibehörde ein­geschaltet werden. Eine umgehende Meldung über ihre Beobachtung müssen ferner alle Per­sonen machen, die im Rahmen ihrer berufli-